Die Ente

Teil 1

Sie saß am Schreibtisch in ihrem Büro. Die Kollegin war krank. Der Blick hinaus ist immer atemberaubend. So war es auch an diesem Tage. Ihr Blick schweifte. Draußen. Das war eine riesige Glasfront. Sie nannten es oft Glashaus. Obwohl es eigentlich sonst nicht vollständig aus Glas war. Wie z.B. diese Restaurantkette, die wirklich wie eine Glasbox daherkam. Nein, es war nur die Fensterfront. Die war durchgängig. Ihr Blick glitt über das mächtige Naturspektakel, den kleinen Mikrokosmos direkt vor ihrer Tür. Ein Schritt heraus hätte sie direkt Teil sein lassen von diesem Kosmos.

Eine schnöde Januarlandschaft. Trostlos, grau, unheimlich. Diesige Kälte und schleierhafter grauer Nebel der sich über das grün der weiten Wiese und den sich anschließenden Fluss legt. Man sah die Kälte.

Seit gestern waren die anderen Enten verschwunden. Nur eine einzige Ente zog ihre Bahnen auf einer kleinen kreisrunden noch nicht gefrorenen Fläche. Sie schien wohlauf zu sein und schwamm nahezu gemächlich vor sich hin.

Die Stille im Büro war merkwürdig. Nicht erst seit nun die Kollegin fehlt. Auch wegen des Virus. Es hatte die Menschheit im Griff. Es wurde gestorben. In Vielzahl. Bis vor einem Jahr hätte man noch gesagt, so ein Zustand, das war z.B. bei der Pest oder Cholera o.ä. mal so. Aber heute? Heute würde so etwas nicht mehr vorkommen. Aber: Ein Mensch in China isst eine infizierte Fledermaus und der Wahnsinn nimmt seinen Lauf.

Sie musste daran denken, wie solch eine Krise die Menschheit auf die Probe stellt. Wie Gott zu testen schien. Damals die Arche, heute? Vielleicht der Mars. Ihre Gedanken fingen an zu kreisen. Das taten sie seit der Krise öfter und öfter. Ein emotionaler Schwebezustand, dem man nur schwer entkommen konnte.

Die Ente schüttelte sich. Sie zog schon einige Bahnen. Immer im Kreis. Ganz klassisch. Wie eine Badewannenente.

  • „Was gibt dir Berechtigung? Die Berechtigung zum Leben? Zum Dasein? Einfach so. Einfach, den Planeten mit deiner Materie besetzen. Da, wo sonst Sauerstoff, Raum und Platz für etwas oder jemanden anderes wäre. Was ist dein Berechtigungsschein?“
  • „Was ist deiner?“

Die Ente ließ sich treiben und steckte den Kopf in´s Gefieder. Die Kälte schlug sich am Fenster nieder. Keine Sonne. Gleichbleibende Witterung. Eintönigkeit. Stillstand. Nur das treiben der Ente.

  • Sind wir Launen der Natur? Der eine packt´s, der Andere nicht? Eine Auslese, eine Elite die sich letztlich retten wird? Retten? Aber vor sich selbst wird sie sich nicht retten können. Vor sich selbst muss sie sich ebenfalls fragen: „Warum bin ich es?“ In was lässt sich meine Existenz aufwiegen? Und für wen dann noch? Für wen ist all das wichtig, wenn nichts mehr wichtig ist? Wenn nichts mehr wichtig ist, steigt dann der Lebenswille? Wird es dann einfacher?
  • Doch, die anderen sind deine Last los. Der Schwarm kann weiterziehen. Alle sind nur ein Glied in der Kette. Du weißt, voll Großmut, dass sie ohne dich besser dran sind.
  • Warum sagst du sowas? Das ist doch viel zu technisiert.
  • Das ist, woraus Leben besteht. Leben besteht aus der Möglichkeit zu sterben. Dann, wenn es die Zeit vorsieht. Die Zeit, der Fluss der Dinge, wird dies schon wissen.

Sie seufzte. Es war so jämmerlich still an diesem Morgen. Sie hasste plötzlich diese Stille. Sie sank in sich, legte die Arme um sich selbst. Das Licht des Computers störte sie. Es waberte immer wieder in Wellen gegen ihre Netzhaut. Es war wie ein fordernder Schmerz. „Setz dich hin und arbeite!“ schien er zu sagen.

Sie stand auf und ging langsam Richtung Glasfront.

Das Zwiegespräch hatte sie neugierig gemacht. Langsam näherte sie sich. In Schlangenlinien. Ein Meidebogen. Schön, elegant, respektvoll. Es war ihr nicht bewusst.

“Na? Kommst du endlich?”

Je näher sie ging, desto schärfer stellte sich ihre Pupille auf die Ente ein. Auf ihr Gefieder, ihren Schnabel, ihre Augen. Auf ihr Wesen.

So betrachtet erschien sie immer schöner, je näher sie heranschritt. Sie brauchte auch keine Pause. Das Bild fügte sich nahezu perfekt und wie von selbst zusammen. Das hatte sie nicht mehr allzu oft erlebt. Es war nicht selten der Fall, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Doch dieser Anblick schien eine Wohltat zu sein. So, als sollte sie unbedingt gesehen werden.

Angekommen.

“Du siehst aus wie der Tod. Meinst du, du stirbst?”

Ihre Augen linsten aus ihren in´s Gefieder geneigten Kopf hoch zu ihr.  Argwöhnisch blinzelten sie manchmal, bis sie ganz starr wurden. In die Ferne schauend. Fixierend.

Ihr war, als schaute die Ente sie an. Fixierte sie. Aber andererseits konnte das auch täuschen. Sie war verwirrt.

“Rede ich mit einer Ente?” begann sie zu überlegen.

“Was ist nun?

Tod?”

Die Ente provozierte sie. Sie lag einfach nur da, in ihrem See. Vor ihrem Fenster. Vor ihrem Büro. Aber sie provozierte. Sie konnte nicht sagen, warum.

“Tod?”

“Himmel, Herr Gott! Ja, doch! Ja…”

“Was?”

“Ich brauch´ nicht mehr sterben. Ich bin bereits Tod!”

Stille.

Der Wind blies ein paar Blätter empor. Sie spielten fangen. Ein Anblick aus Kindertagen.

Sie spürte ihren Körper zittern. Das wunderte sie. Sie hatte keine körperliche Reaktion darauf erwartet. Nicht mehr. Sie dachte nicht, das diese Hülle in solchen Momenten noch dazu in der Lage ist. Sie hatte auf Deprivation, Dissoziation getippt und gehofft. Doch irgendwie hing dieser Körper noch an ihr.

2 Antworten auf „Die Ente“

  1. shivers down the spine.
    great done.

    Ob es immer schon so war, dass die, welche zufällig verschont bleiben, sich dem großen Warum stellen (müssen)?
    Vielleicht nicht wichtig, solange sie es sich nicht im Schweigen bequem machen.

    1. Hi Xyls_Schund,
      es sich im Schweigen bequem machen wäre der halbe Gehirntod. Es gibt ja auch kein Entrinnen sich selbst zu stellen. Insofern ist es unausweichlich…optimistisch: eine freiwillige Pflicht. Doch was genau ist die Läßt? Was macht Leben lästig statt leicht? Warum funktionieren z.b. Hormone zu jenen Zeitpunkt und zu einem anderen nicht? Was ist die Alchemie?
      Doch wie atmen, dem Leben entgegentreten, wenn vielleicht täglich der Sauerstoff knapper wird? Und dies gilt nicht nur im Sinne von “Sprache verschlagen”. Wo bleiben dann die drängenden Aufgaben?

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